Portrait

Oft war das Kind verschwunden, in dem riesigen Garten mit seinem Hund und den gezähmten Raben oder im Kellergewölbe, (da stand das Sauerkrautfass aber auch die Flaschen mit geheimnisvollem Gift), oder auf dem Dachboden, vielleicht bei den Hühnern oder bei dem Schaf. Es gab eine Sucherei und niemand konnte ihn finden, auch das Kindermädchen nicht und das hat den Bub gefreut. Aber wenn’s gebrannt hat im Dorf, dann war sicher, wo er war: Da wo’s brennt, da war er und man musste ihn heimholen. Eine Zeit lang wurde vermutet, dass er es gewesen sei, der die Scheunen angezündet hat, aber das war ein Irrtum, Brandstiftung war nicht seine Sache. Dann haben sie gedacht: er wär’ am Feuer, wegen der Flammen, aber das war auch ein Irrtum: er beobachtete die Feuerwehrmänner, er wollte wissen, wie das Feuer ausschaut, wenn man es sieht, so wie die es sehen. Und immer wieder gelang es ihm für einen kurzen Moment das Feuer so zu sehen, als säße er im Kopf von einem der Feuerwehrmänner. Er sah das Eindreschen auf die Flammen, das Sprühen der Funken und das Feuer aus ihren Augen. Er sah es so, wie man sehen kann, wenn man ein Buch liest oder einen Film schaut. Das war Ende der fünfziger Jahre (und der Bub, der war ich).

Zehn Jahre später hat’s wieder gebrannt, er hat es im Fernseher gesehen und das Feuer, das war in Paris und es brannten die Barrikaden. Da stand einer und rief, er hatte feuerrotes Haar und er war ernsthaft und zielgerichtet, wie die Feuerwehrmänner, die er als Kind gesehen hatte und da hat er sein Zeug gepackt und ist hin. Und niemand konnte ihn finden und er war verschwunden für 3 Monate und das hat den jungen Mann gefreut. Die Flammen waren aus, als er ankam, und die Studenten waren verschwunden, aber er ist in Paris geblieben und hat sein erstes eigenes Geld verdient am Place Pigalle und seine erste große Liebe getroffen, einen Kerl aus Mexiko, viel mehr als doppelt so alt wie er selber. Irgendwie ist er nie wieder richtig heim; jedenfalls nicht im Kopf.

Dann hat er ein Puppentheater gegründet, gegen alle Vernunft und mit großem Erfolg. Dreißig Jahre hat er das gemacht, Auszeichnungen und Preise eingeheimst mit seinen Kollegen zusammen und alle haben sich gefreut. Dann hat er aufgehört, erst mit dem Alkohol und dann war auch das Theater zu Ende.
Dass das mit dem Theater zu Ende war, hatte eher was mit der Liebe zu tun als mit dem Alkohol oder aber mit beidem. Zwischendrin war er wieder in einer anderen Stadt für eine Weile und in der Stadt wurde gekämpft, nicht mehr mit Waffen, aber immer noch mit Worten und er hat sich wieder in Köpfe versetzt und geschaut. Achso, das ging vergessen in der Erzählung: Bilder und Skulpturen hat er schon als Kind gemacht, das erste Bild verkauft mit sieben, die erste Skulptur mit zehn. Das Kunst-Herstellen hat er gelernt gleich mit dem Erlernen der Sprache. Die Sprache von der Mutter, die Kunst vom Vater und immer schon waren die Worte und die Kunst gleich wichtig.

Jedenfalls war das Theater zu Ende und dann hat er seinen dritten Vornamen genommen, den er schon immer lieber genommen hätte als den ersten und ist zurückgekehrt zum Bildhauern.
Dann kam er ins Bahnhofsviertel und ist geblieben. Und er hat sich ausbilden lassen und viel gelernt und unterrichtet hat er auch. Was er sucht, ist Meisterschaft. Und dann hat er dazu gelernt noch weiter weg zu schauen und sich auf Entfernung in Köpfe zu setzen und jetzt kriegt er Post aus Afrika, wohin er sein Herz verschenkt hat. Und er sitzt im Hammer Museum und macht die Leute im Viertel bekannt und er hört zu und schreibt auf, was die Leute erzählen über ihr Leben und ihre Läden und er setzt es um in Bilder und das steigert die Umsätze und bringt das Viertel zum Blühen und in die Zeitung. Und all das nur deshalb, weil er anders hinschaut als andere, sagen die Leute.