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Handwerkliches Denken

Die handwerkliche Einstellung bezeichnet im weitesten Sinn den Wunsch, etwas um seiner selbst willen gut zu tun. Alle Menschen wünschen sich die Befriedigung, etwas gut zu tun, und möchten an das glauben, was sie tun. Doch in der (heutigen) Arbeitswelt, im Bildungswesen und in der Politik vermag die neue Ordnung diesen Wunsch nicht zu erfüllen.

Die neue Arbeitswelt ist zu mobil, als dass der Wunsch, etwas um seiner selbst willen gut zu tun, sich über Jahre oder Jahrzehnte in der Erfahrung des Einzelnen entwickeln könnte. Das Bildungswesen, das die Menschen auf mobile Arbeit vorbereitet, begünstigt die leicht zu findenden Lösungen gegenüber dem Bemühen um ein tieferes Verständnis. Und der politische Reformer, der die Kultur der fortgeschrittensten privaten Institutionen nachahmt, verhält sich eher wie ein Konsument auf der ständigen Suche nach Neuem und kaum wie ein Handwerker, der stolz auf die Dinge ist, die er gefertigt hat und die er besitzt. […] die handwerkliche Einstellung besitzt einen Vorzug, der dem in der neuen Kultur vertretenen Idealbild des Beschäftigten, des Schülers oder Bürgers fehlt. Und das ist das Gefühl der inneren Verpflichtung. Ein Handwerker glaubt an den objektiven Wert seines Tuns. Etwas selbst dann richtig zu tun, wenn man vielleicht gar nichts dafür bekommt, das ist wahrer Handwerksgeist. Und wie ich meine, vermag nur solch ein uneigennütziges Gefühl des Engagements und der Verpflichtung die Menschen emotional zu erheben. Anderfalls unterliegen sie im Kampf ums Überleben.

Richard Sennett